Dissertationsprojekt von Susanne Holm

Magic with words and music –
Purcell-Rezeption in der Textvertonung in den Opern Benjamin Brittens

(Arbeitstitel)

 

Betreuer: Prof. Dr. Anselm Gerhard

 


Die Bedeutung der Purcell-Rezeption im Schaffen des Komponisten Benjamin Brittens (1913-1976) lässt sich nicht nur an den zahlreichen Hinweisen in der Sekundärliteratur ablesen. Der Komponist selbst unterstreicht in schriftlichen wie mündlichen Äußerun-gen immer wieder, dass er sich vor allem hinsichtlich der Textvertonung an seinem Vor-bild Henry Purcell orientiert. Im Vorwort zu seiner ersten Oper Peter Grimes (1945) formuliert er folgendes Ziel: „One of my chief aims is to try and restore to the musical setting of the English language a brilliance, freedom, and vitality that have been curious-ly rare since the death of Purcell.“ Selbst über zwanzig Jahre später misst er dem Ein-fluss Purcells auf das eigene Schaffen noch immer eine zentrale Bedeutung zu. Auch beim Hören von Brittens Opern stellen sich Assoziationen an die Vokalmusik Purcells und ein barockes Klangbild ein. In der einschlägigen Fachliteratur wird die Auseinan-dersetzung Brittens mit seinem Vorbild meist im Zusammenhang mit dem künstleri-schen und persönlichen Werdegang des Komponisten betrachtet. Erst ab dem Aufent-halt in den USA (1939-1942), währenddessen sich Britten auf die englischen Wurzeln besinnt, ist eine anhaltende aktive Beschäftigung mit Purcell nachweisbar, die sich in der Folgezeit in einer regen Bearbeitungstätigkeit niederschlägt. Die Verehrung für den Vor-gänger findet ihren Ausdruck in Kompositionen, die Britten anlässlich von Jubiläums-kompositionen (250. Todestag Purcells) schreibt, oder auch in Zitaten aus Werken Purcells. Benjamin Britten stellt in seinen eigenen Aussagen aber beinahe ausschließlich die Vorbildfunktion Purcells in Bezug auf die Textvertonung heraus, die in Peter Grimes einen ersten Höhepunkt erreicht. Allerdings – und dies ist symptomatisch sowohl für die Primär- als auch die Sekundärquellen – finden darin kaum konkrete Hinweise auf tech-nische Aspekte der Sprachvertonung. Der Komponist geht sogar soweit festzustellen: „Besides, it is not my practice to analyse my own styles or influences.“
Systematische Studien zum Verhältnis von Textgrundlage und Vertonung spielen bislang aber nicht nur in der Purcell- und Britten-Forschung eine eher untergeordnete Rolle. Generell scheint in der musikwissenschaftlichen Forschung das Feld der Textvertonung unter Einbeziehung sprachimmanenter Strukturen nur punktuell im Fokus zu stehen. Hinzu kommt das Problem, dass die englische Sprache im Gegensatz beispielsweise zum Italienischen lange Zeit als ungeeignet für die Vertonung (möglicherweise speziell im Musiktheater) abgewertet wurde und ältere Studien aus der Zeit des ausgehenden 19. Jh. daher eher der Wiederherstellung einer Akzeptanz des Englischen in der Vokalmusik dienen sollten. Das Ziel, die Eigenheiten der englischen Sprache in der musikalischen Umsetzung wieder viel stärker herauszuarbeiten, wird im künstlerischen Umfeld von Benjamin Britten jedoch zu einem Hauptanliegen, wie im ersten der obigen Zitate deut-lich herauszuhören ist.
Darüberhinaus konzentrieren sich die wenigen Untersuchungen meist auf äußere As-pekte in Bezug auf die Sprachvertonung. Das heißt der Textinhalt sowie dessen emotio-naler und dramatischer Gehalt finden nur wenig Beachtung. Doch gerade diese Aspekte können im Kontext des Musiktheaters nicht ausgeblendet werden, zumal den Texten ja unterschiedliche Funktionen (Handlung bzw. Reflexion) zukommen.
Somit zeichnet sich ab, dass das Gebiet der Textvertonung noch Einiges an Forschungs-gegenständen bereithalten dürfte. Im Falle des angestrebten Dissertationsprojekts liegt der besondere Reiz zum einen darin, dass einzelne Schritte der Forschungstätigkeit eine Art Grundlagencharakter aufweisen können, da die Vertonung der englischen Sprache bisher nur wenig Beachtung gefunden hat. Zum anderen steht die Textvertonung bei Britten nicht für sich sondern in Beziehung zu einer speziellen Ausprägung von histori-scher Musik. In jedem der drei vorgesehenen Abschnitte des Hauptteils, die sich aus der dramaturgischen Funktion der Texte (Handlung bzw. Reflexion sowie deren Vermi-schung) ergeben, wird zunächst danach zu fragen sein, welche Merkmale die Textverto-nungspraxis Henry Purcells jeweils auszeichnen, um anschließend zu ermitteln, inwie-fern sich die Beobachtungen an den Werken Purcells auf die musikalische Umsetzung der Opernlibretti Brittens ausgewirkt haben. Ausgangspunkt der Analysen bilden dem-zufolge Untersuchungen der Textstruktur (Metrum, Versmaß, Versform usw.) sowie der Verbindung zwischen äußerem Erscheinungsbild und der inhaltlichen Struktur bzw. des dramatischen Gehalts. Die gewonnenen Erkenntnisse werden anschließend mit der Ver-tonung in Beziehung gesetzt, wobei insbesondere herauszuarbeiten ist, inwiefern die musikalische Umsetzung den dramatischen Gehalt noch verstärkt und somit die Ver-mittlung der Handlung begünstigt. Im Zuge dessen geht es auch darum, methodische Ansätze zu erproben, die bei der Untersuchung von Textstruktur und die daraus resul-tierende Vertonung brauchbare Ergebnisse liefern. Ziel der Arbeit ist es, die einen Über-blick darüber zu gewinnen, inwiefern Brittens Textvertonung in den Opern tatsächlich Gemeinsamkeiten mit der bei Henry Purcell aufweist.

E-Mail: su_holm@yahoo.de